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Free University of Bozen - Bolzano

19 Jan 2018 19:30–21:00

Buchvorstellung: Körper, Selbst und Melancholie

Siglinde Clementi stellt ihr neues Buch über die Selbstzeugnisse des Landadeligen Osvaldo Ercole Trapp vor (1634-1710)

Datum 19 Jan 2018 19:30 - 21:00

Ort Room BZ D1.03, Universitätsplatz 1 - Piazza Università, 1, 39100 Bozen-Bolzano

Mehr Informationen Siglinde Clementi
siglinde.clementi@unibz.it

Beschreibung

Adelig, entmündigt, ohne Nachkommen – Melancholie spricht aus den Selbstzeugnissen des Tren-tiner-Tiroler Landadeligen Osvaldo Ercole Trapp (1634–1710), die die Historikerin Siglinde Cle-menti in ihrem kürzlich erschienenen Buch analysiert.

Osvaldo Ercole Trapp war der letzte Nachkomme einer der beiden italienischen Linien der Tiroler Adelsfamilie Trapp, die sich seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert im Besitz von drei Herrschaftssitzen im südlichen Tirol befanden: Schloss Beseno und die Magnifica Corte di Caldo-nazzo im Einflussberiecht des Fürstbistums Trient und die Churburg im Oberen Vinschgau in der Grafschaft Tirol. Nach dem Tod seines Vaters unter verschiedener Vormundschaft, trat Osvaldo Ercole Trapp mit 25 Jahren das Erbe als Lehens- und Gerichtsherr von Caldonazzo an. Doch dies war nur von kurzer Dauer, nach zehn Jahren wurde er entmündigt. Von nun an lebte der melancho-lische Landadelige als „Privatier“ in Trient und Caldonazzo und verfasste eine Beschreibung des eigenen Körpers, innen und außen, von Kopf bis Fuß, sowie autobiographische Schriften und eine kurze Chronik des Hauses Trapp-Caldonazzo – Selbstzeugnisse die einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Tiroler Adelsgeschichte und zur Selbstzeugnisforschung der Frühen Neuzeit dar-stellen.

Siglinde Clementi untersucht in ihrem wichtigen Buch anhand der autobiografischen Schriften Os-valdo Ercole Trapps Körper- und Selbstkonzepte in der Frühen Neuzeit. Die autobiographischen Texte des entmündigten Melancholikers sind als Selbstausdruck eines sozial marginalisierten Menschen zu werten, der versucht, Deutungshoheit über sein Leben zu behalten und Spuren zu hin-terlassen von seiner Gestalt, von seinem Lebensweg und seiner häuslichen und sozialen Situation, und sein Scheitern in Richtung Besonderheit umzudeuten.

Im Buch wird zudem die Biografie und Familiengeschichte Osvaldo Ercoles rekonstruiert und in den Kontext der Geschichte des Tiroler Adels der Frühen Neuzeit gestellt. Dabei geht es um Verwandtschaftsbeziehungen, um den Umgang mit Besitz und Vermögenstransfers über Erbe und Heirat, wirtschaftliches Scheitern (Konkurs), innerfamiliäre Konfliktkonstellationen, Vormund-schaften und die Entmündigung. Weiters spürt die Autorin wichtigen Diskursen nach, wie etwa der Frage nach der adeligen Männlichkeit – für einen Entmündigten, Unverheirateten und Kinderlosen eine nicht unbedeutende Angelegenheit; ebenso wie jenen zu Familie, Haus und Linie – mit ihm stirbt die Linie Trapp-Caldonazzo aus. Nicht weniger zentral in den Selbstzeugnissen von Osvaldo Trapp sind Zeugungstheorien und Erziehung, da er der Tatsache, dass er von seinem Vater im Greisenalter gezeugt worden ist, und dem Erziehungsstil seiner Mutter große Bedeutung für sein späteres Scheitern beigemessen hat.

Siglinde Clementi bietet in ihrem Buch über einen Trentiner-Tiroler Landadeligen einen originellen Beitrag zur Selbstzeugnisforschung, zur Sozialgeschichte des Adels und zur Erfah-rungs- und Diskursgeschichte des Körpers.
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