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Ein wissenschaftlicher Blick auf Zertifizierungen im Bereich sozialer Verantwortung

Eine immer größer werdende Anzahl von Betrieben lässt sich de-zertifizieren. Ein Paper zu diesem Thema, bei dem Forscher Guido Orzes als Co-Autor zeichnet, ist ausgezeichnet worden.

In Medien wie Unternehmenswelt kommuniziert man Zertifizierungen zumeist als Qualitätsnachweis, doch wie kommt es, dass sich ein großer Prozentsatz an Unternehmen de-zertifizieren lässt? Wir haben mit Guido Orzes gesprochen, der an der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik die Fächer „Wirtschaft für Ingenieure“ und „Industrial Accounting and Management“ lehrt und auf der 51. Ausgabe der Jahreskonferenz des DSI (Decision Science-Institut) als Co-Autor einen best paper award eingefahren hat. Thema: Leistungsschub durch De-Zertifizierung.

Sie haben kürzlich bei der Konferenz des Decision Science Institute eine Diskussionsrunde zu Aspekten der Fertigung moderiert. Worum ging es dabei?
Guido Orzes: Derzeit hat die europäische Industrie mit großen Herausforderungen zu kämpfen, geschuldet dem zunehmenden Wettbewerb aus Schwellenländern, Industry 4.0 (r)evolution, Brexit und Covid-19. In besagter Online-Panelsitzung haben Wissenschaftler über aktuelle und zukünftige Szenarien, Praktiken und Politiken für Europa diskutiert, um die europäische Wettbewerbsposition verteidigen beziehungsweise verbessern zu können.

Eine PhD-Studentin von Ihnen, Mirjam Beltrami, hat auf der Konferenz auch ihre Studie zu Nachhaltigkeit in der Produktion vorgestellt. Worum ging es dabei konkret?
Mirjam Beltrami hat ihre Studie „Industry 4.0 and Sustainability: A Multiple Case Study Analysis” vorgestellt, die sie mit Piera Centobelli (Università Federico II, Napoli), Luca Fraccascia (Sapienza, Roma) und mir entwickelt hat. Mirjam untersucht darin die Beziehung zwischen Industrie 4.0 und dem Nachhaltigkeitsaspekt, wofür sie fünf lebensmittelverarbeitende Industriebetriebe herangezogen hat, darunter einige aus Südtirol. Untersucht wurden ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Analyse deutet auf eine interessante Verbindung zwischen den Technologien von Industry 4.0 und der Nachhaltigkeit hin. Bei den Technologien seien das Internet der Dinge, Big Data, künstliche Intelligenz, Blockchain, cyber-physikalische Systeme und Erweiterte Realität genannt. Auf der Seite der Nachhaltigkeit geht es um Arbeitsbedingungen, aber auch Ressourcen- und Kosteneffizienz.

Ein Paper, das ein von Ihnen betreuter Student eingereicht hat, erhielt den best paper award. Welches Thema wurde angeschnitten?
Matteo Podrecca von der Universität Udine, den ich mit zwei weiteren Professoren aus Udine betreue, hat für seine Studie über die De-Zertifizierung diesen Preis erhalten. Die meisten Studien befassen sich mit dem Zertifizierungsprozess und dessen Auswirkungen auf ein Unternehmen. Uns interessierten speziell mit Blick auf das Audit Social Accountability 8000 (SA8000) mehr die Aspekte, die zu einer Aufgabe der Zertifizierung führen.

Von welchen Zahlen sprechen wir hierbei?
Weltweit wurden vergangenes Jahr 850 Unternehmen zertifiziert, 650 beantragten hingegen eine De-Zertifizierung, entschlossen sich also, sich keinem Audit mehr zu unterziehen und die Prozesseinhaltung aufzugeben.

Welche Gründe sprechen dafür?
Ein Grund dafür sind sicher die Kosten, die bei Einführung eines Prozesses, das Audit, und die ständige Überprüfung der Kriterien anfallen. Eingangs sieht man, dass die Betriebe durch eine detaillierte Prozessdefinition ihre Produktion steigern und auch die Absätze durch dieses Audit zunehmen. Im Laufe der Jahre brechen jedoch oftmals die Erhöhung der Absätze ein und es steigen die Kosten.

Konnten Sie erfassen, worauf dies zurückzuführen ist?
Wer sich zertifizieren lässt - nehmen wir als Beispiel den Bekleidungssektor - der verpflichtet sich auch Grundprinzipien der Arbeitssicherheit oder der Sozialstandards bei ihrer Firma und die Zulieferfirmen zu garantieren. Dies schränkt den Kreis der Lieferanten natürlich ein und erhöht zudem die Kosten. Es ist daher unerlässlich, dass Unternehmen die Entscheidung, ob sie zertifiziert bleiben oder nicht, ständig neu bewerten.

Welchen Stellenwert haben Konferenzen derzeit generell in Zeiten von erzwungenen online-Meetings?
Online-Konferenzen bieten derzeit eine Reihe von Vorteilen: man spart Reisezeit und produziert keine reisebedingten CO2-Emissionen (ein Hin- und Rückflug von München oder Mailand nach San Francisco, wie den, den ich zur Teilnahme an der Konferenz hätte nehmen müssen, würde zwischen 1200 und 1700 kg CO2 pro Passagier erzeugen) und man kann trotz der derzeitigen Reisebeschränkungen mit Kollegen auf der ganzen Welt in Kontakt bleiben. Die Erfahrungen, die wir in dieser Zeit mit Smart Working, E-Learning und Online-Konferenzen machen, könnten meiner Meinung nach sehr nützlich sein, um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Territoriums in Zukunft zu verbessern. Persönlich denke ich jedoch, dass Treffen und Gespräche von Angesicht zu Angesicht doch etwas anderes sind, und ich kann es kaum erwarten, wann dies wieder möglich sein wird.

(vic)