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Der Fall Schleswig. Ideale Lösung eines Nationalitätenkonflikts?

Im Rahmen der Vortragsreihe „Der Pariser Frieden 1919/20“ referiert am 6. Dezember 2019  der Minderheitenforscher Martin Klatt zur Teilung Schleswigs im Jahr 1920.

Die heutige deutsch-dänische Grenze wurde 1920 nach zwei Volksabstimmungen gezogen. Diese Grenze teilt das ehemalige Herzogtum Schleswig, das im 19. Jahrhundert von dänischen und deutschen Nationalbewegungen für ihr jeweiliges nationales Projekt beansprucht wurde. Die Grenzziehung nach vorangegangener Volksabstimmung sollte eine gerechte, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker weitestgehend entsprechende Teilung der Region ermöglichen, wobei den bei der Abstimmung unterlegenen Gruppen freie kulturelle Selbstbestimmung im Rahmen einer nationalen Minderheit zugestanden wurde. Dieses Modell wird heute von fast allen Beteiligten als die ideale Lösung des deutsch-dänischen nationalen Konflikts um Schleswig empfunden und zugleich als Modell zur Lösung anderer nationaler und Minderheitenkonflikte in Europa präsentiert. 

Dabei stellen sich aber Fragen, welche die intensive regionalgeschichtliche Forschung zu Schleswig bisher wenig berücksichtigt hat. Die Grundlage des schleswigschen Modells einer nach nationalen Kriterien festgelegten Staatsgrenze und der Institutionalisierung von nationalen Minderheiten als Rahmen für die in der Abstimmung unterlegene Gruppe überspielte andere wichtige Interessen der Menschen in der Region. Die regionale Alternative des Schleswigers als Grenzzonenidentität wurde zwar in der Propaganda zur Abstimmung angesprochen, letztlich aber nicht als wirkliche Alternative anerkannt. Infolge der Grenzziehung gab es nur noch die Möglichkeit einer eindeutigen nationalen Identifikation: Deutsch oder Dänisch.

Die Teilung im Jahr 1920 hatte schließlich auch dramatische wirtschaftliche Folgen. Dänemark drängte auf die Unterbrechung der wirtschaftlichen Verbindungen Nordschleswigs zu Deutschland. Südschleswig war von der Inflation und einer Krise der Landwirtschaft betroffen und wurde zu einer frühen Hochburg der NSDAP. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Entwicklung der Region hinter dem westdeutschen Wirtschaftswunder zurück. Strukturell abhängig von Landwirtschaft und Militär stellte sich keine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung ein. 

In seinem Vortrag stellt sich der Referent Martin Klatt deshalb die Frage, ob nationale Grenzen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker als optimale Befriedung und Aufteilung von Grenzzonen gesehen werden können. Die Trennung von zusammenhängenden Wirtschaftsräumen kann im schlimmsten Fall eine Kantonisierung in wirtschaftlich darbende Kleinststaaten befördern. Auch das Konzept der „nationalen Minderheiten“ gibt letztlich keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Selbstverständnis einer grenzregionalen Bevölkerung mit regionaler Identifikation in einer von zwei nationalen Identifikationen dominierten Region.     

Zur Person:
Martin Klatt hat Geschichte, Politikwissenschaften und Nordische Philologie an den Universitäten Kiel und Kopenhagen studiert. Seit 2005 ist er Associate Professor für Zeitgeschichte am Department of Border Region Studies der University of Southern Denmark in Sønderborg. Er beschäftigt sich sehr intensiv mit der Geschichte der nationalen Minderheiten, der Geschichte von Regionalismus und Grenzregionen, im Speziellen mit Blick auf die dänisch-deutsche Grenzregion.

Termin: Der Fall Schleswig – ideale Lösung eines Nationalitätenkonflkts? Vortrag von Prof. Martin Klatt (Syddansk Universitet Sønderborg)
Wann: 06.12.2019, 17.30 Uhr
Wo: Hörsaal F0.03, Freie Universität Bozen, Universitätsplatz 1, Bozen

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