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Freie Universität Bozen

20 Jan 2021 22 Jan 2021

Call for Papers "Regionale Frühfaschismen"

CfP: "Regionale Frühfaschismen. Faschistische Herrschaftsdurchsetzung und -rezeption im interregionalen Vergleich", Brixen, 12. und 13. November 2021.

Datum 20 Jan 2021 - 00:00 22 Jan 2021 - 23:59

Beschreibung

Die internationale Tagung beschäftigt sich mit den Erscheinungsformen frühfaschistischer Politik in regionalen Gesellschaften. Das Tagungsthema rückt damit im Wesentlichen jene zentrale Transitionsphase in den Mittelpunkt, die den Übergang von den Anfängen faschistischer Bewegungen (Ursprungsfaschismus, ‚Kampfzeit‘, ‚Squadrismus‘) hin zum Prozess der Herrschaftsdurchsetzung und -etablierung umfasst.

Historiographiegeschichtlich gesehen haben lokal- und regionalgeschichtliche Arbeiten in etwa seit den 1970er-Jahren in verschiedensten thematischen Zusammenhängen einen bedeutenden Beitrag für die Erforschung der europäischen Faschismen – und speziell auch für die Aufarbeitung der Geschichte von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus – geleistet. In der Auseinandersetzung mit der klassischen Totalitarismustheorie hat etwa gerade der Blick auf regionale Gesellschaften die These eines zentralistisch durchherrschten Staates ohne Spielräume für individuelles und (nonkonformes) kollektives Handeln ‚vor Ort‘ relativiert. Auf allen Handlungsebenen war faschistische Politik letztlich wesentlich widersprüchlicher bzw. komplexer als zunächst angenommen, und ihr gleichsam polykratischer Charakter ist gerade in regionalhistorischen Analysen detailliert herausgearbeitet worden.
Ferner hat in den letzten Jahrzehnten auch eine Vielzahl mikro-, lokal- und nicht zuletzt auch regionalgeschichtlicher Arbeiten über die Operationalisierung modernerer alltags-, mentalitäts- und kulturhistorischer Forschungsdesigns (z. B. den Milieuansatz) meist fallstudienartig aufgezeigt, dass sich die Faschismen in der Region keineswegs vornehmlich nach der Logik einer ‚von oben‘ strikt durchgesetzten Order richteten. Outcome und Performance faschistischer Politik waren ganz im Gegenteil unterschiedlichen regionalen Mobilisierungskräften und Veränderungsdynamiken unterworfen. Regionale Charakteristika und Spezifika fungierten gleichsam als Filter, die den Prozess der Herrschaftsaneignung und -rezeption einmal mehr, einmal weniger tangierten.
Die Tagung fragt nach der Bedeutung eben dieser offensichtlichen ‚Regionalismen‘ für die faschistische Herrschaftsdurchsetzung in der skizzierten Transitionsphase. Welche Stile, Praktiken, Gegebenheiten und Befindlichkeiten beförderten oder erschwerten als spezifische ‚Regionalkulturen‘ die Bemühungen zur Herrschaftsdurchsetzung und gesellschaftlichen Durchdringung. Welche vielfach in einen regionalspezifischen Habitus eingebetteten Politiken, Ideologien und Traditionen, welche gebietscharakteristischen Institutionen, sozialen Kollektive und informellen Netzwerke nahmen Einfluss auf die soziale Praxis von Akzeptanz, Mitläufertum, Indifferenz, Ablehnung oder auch Widerstand in Hinblick auf den fortschreitenden faschistischen Aufstieg und Bedeutungsgewinn?

In diesem thematischen Zusammenhang sind für die Tagung mehrere übergeordnete Fragestellungen bzw. Themenfelder von besonderem Interesse:

1.    Theoretisch-methodische Überlegungen zur Frage der Nutzbarmachung moderner regionalgeschichtlicher Ansätze für die Analyse frühfaschistischer Transitionsprozesse: Welche historiographischen, theoretisch-methodischen und inhaltlichen Konzeptionen bzw. Entwicklungsschritte spielen im Rahmen regionalgeschichtlicher Analysen frühfaschistischer ‚Systeme‘ eine maßgebliche Rolle? Und welche Forschungsdesiderata lassen sich im Kontext der neuesten Forschung zum Faschismus in der Region ausmachen? In welcher Weise unterscheiden sich die einzelnen nationalen Geschichtskulturen in der wissenschaftlichen Annäherung an regionale frühfaschistische Gesellschaften aus einer vergleichenden Perspektive?
2.    Strategien bzw. Methoden faschistischer Herrschaftsdurchsetzung und die Rolle von regionalen Akteuren (Top-down-Perspektive): Wie wurden faschistische Ideologie und Politik in der Region kommuniziert und implementiert? Welche regionalen administrativen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen erleichterten bzw. erschwerten die faschistische Herrschaftsdurchsetzung? Wie erfolgte die Interaktion zwischen regionaler und nationaler Ebene und in welcher Weise nahmen regionale Praktiken Einfluss auf das Gesamtsystem der faschistischen Politik? Welche ‚Sensibilität‘ für regionale Werthaltungen, Befindlichkeiten und Usancen lassen sich aus kommunikations- und instrumentalisierungsgeschichtlicher Perspektive festmachen? Welche Rolle spielte die Präsenz regionalspezifischer Milieus, pressure groups sowie eingesessener ideologischer Überzeugungen und inwiefern wirkten die unmittelbaren Auswirkungen des Ersten Weltkrieges und der Pariser Friedensordnung auf den Prozess des faschistischen Aufschwungs ein? Welche – mitunter auch regionalen – Vorbilder, Traditionsbestände und ideologischen Anknüpfungspunkte machten sich regionale Faschismen zueigen?
3.    Regionalgesellschaftliche Wahrnehmungs-, Partizipations- und Differenzkulturen innerhalb des frühfaschistischen Transitionsprozesses (Bottom-up-Perspektive):
In welcher Weise wurde der ‚aufkommende‘ Faschismus von der regionalen Gesellschaft bzw. einzelnen gesellschaftlichen Segmenten wahrgenommen und eingeordnet? Wie gestaltete sich das Verhältnis von Inklusion und Exklusion, Kollaboration und Gegnerschaft bzw. Widerstand und welchem Wandel war dieses Verhältnis innerhalb des skizzierten Transitionsprozesses unterworfen? Welche Arten von (auch gewaltsamen) Radikalisierungstendenzen konnten in frühfaschistischer Zeit Fuß fassen und welche gesellschaftlichen Reaktionsmuster zogen sie nach sich? Und schließlich: Welche Rolle spielten die sich auf regionaler Ebene neu ausbildenden kommunikativen und sozialen Räume für die konkrete Formierung von Konsens und Dissens ‚vor Ort‘?
4.    Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Rahmen eines regionalgeschichtlich-vergleichenden Blicks auf das Wesen von Frühfaschismen:  Welche Ähnlichkeiten und Differenzen lassen sich im Rahmen einer komparativen Analyse verschiedener Regionen beobachten? Und gibt es mit Blick auf den Prozess der faschistischen Herrschaftsdurchsetzung wie auch der Partizipations- oder Widerstandskulturen eine Art Set von regionalen Spezifika und Besonderheiten, die Einfluss auf die Ausgestaltung der faschistischen Einfluss- und Machtsphären nahmen? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen sich einerseits im Rahmen des Vergleichs binnenregionaler Räume (bspw. ländlicher vs. urbaner oder peripherer vs. zentral gelegener Territorien) und andererseits bei einer komparativen Betrachtung von Regionen in unterschiedlichen Faschismen (etwa im Vergleich zwischen Nationalsozialismus und italienischem Faschismus)?
5.    Die Pekuliarität von Frühfaschismen in ethnisch bzw. gesellschaftlich fragmentierten Grenzregionen und hybriden Grenzgesellschaften: Mit welchen besonderen Herausforderungen und Rahmenbedingungen war der frühe Faschismus in national oder ethnisch durchmischten Grenzregionen konfrontiert? Auf welche Weise unterschieden sich die Strategien der Machtfestsetzung hinsichtlich Sprache, Inhalte sowie politischer und ideologischer Praxis von jenen in ‚herkömmlichen‘ Regionen? Welche grenzregionalen Besonderheiten führten zu einer Veränderung bzw. Anpassung oder auch Radikalisierung faschistischer Strategien bzw. Praktiken, und in welchen konkreten Politikfeldern erleichterte bzw. erschwerte der jeweilige ‚Grenzlandstatus‘ die faschistische Penetration.

Die Tagung konzentriert sich auf die Faschismen der Zwischenkriegszeit, weshalb Beitragsvorschläge zur Regionalgeschichte von italienischem Faschismus und Nationalsozialismus, aber auch anderer europäischer Faschismen besonders erwünscht sind. Das Hauptaugenmerk der Tagung gilt einer interregional vergleichend angelegten Perspektive. Die im Rahmen der Tagung präsentierten Fallstudien oder bereits vergleichend konzipierten Beiträge sollen in erster Linie vor dem Hintergrund der Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der regionalen Festsetzung faschistischer Bewegungen diskutiert werden. Priorität kommt dabei komparativen Perspektiven zu, die ausgehend von der „Eigenkraft des Regionalen“ (Martina Steber) auf ein gesellschaftsgeschichtliches Analyseinstrumentarium setzen und innovative theoretisch-methodische wie inhaltliche Herangehensweisen zum Frühfaschismus in der Region entwickeln.
Die Tagung findet am 12. und 13. November 2021 an der Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Freien Universität Bozen am Universitäts-Standort Brixen/Bressanone (Südtirol) statt und wird vom Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte der Freien Universität Bozen (Oswald Überegger, Karlo Ruzicic-Kessler) organisiert (https://www.unibz.it/de/home/research/competence-centre-regional-history/).
Die Organisatoren kommen für Hotelkosten (2 Übernachtungen in Brixen) und die Reisespesen (im Ausmaß eines Maximalbetrags von 250 € pro Referenten) auf. Die Publikation der Tagungsbeiträge in einem Sammelband ist geplant.

Beitragsvorschläge (Abstracts mit kurzer Biobibliographie im Ausmaß von ca. 1 Seite) werden bis zum 31. März 2021 mit dem Betreff-Vermerk „Tagung Frühfaschismen“ an folgende E-Mail-Adresse erbeten: regional.history@unibz.it. Die Abstracts können in deutscher oder italienischer Sprache verfasst sein. Tagungssprachen sind Deutsch und Italienisch mit Simultanverdolmetschung in beide Sprachen.


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